Balanced Leadership – Führen und Folgen

Von 24. April 2019 Leadership
Balanced Leadership

Seit ca. einem dreiviertel Jahr tanze ich mit meiner Frau Tango Argentino. Ja, es war ihre Idee – nein, ich musste nicht überredet werden. Nach einem Schnuppernachmittag, den ich ihr einmal zu einem Geburtstag geschenkt hatte, war klar: Wir möchten den Tanz lernen. Der Tango Argentino sollte es sein, weil er improvisiert ist, nur wenige Regeln kennt und viel Raum für Spontanität lässt. Dass der Tanz mir Vieles über Führung und Leadership beibringen würde, wusste ich damals allerdings noch nicht.

Aller Anfang ist schwer

Für mich als Führender bedeuteten die ersten Tango-Stunden echt Stress. Ich hatte seit Jahrzehnten nicht mehr „klassisch“ getanzt, musste demnach erst wieder lernen, mich mit einem anderen Menschen im Arm zu Musik zu bewegen. Im Tango gibt es keine festgelegten Schrittfolgen, sondern Schrittkombinationen, die ich als „Leader“ lernen muss und während des Tanzes frei kombinieren kann. Meine bessere Hälfte folgt mir – idealerweise. Das heißt, dass ich allein die Verantwortung habe und nur aus meinem Brustbein heraus signalisieren soll, wann wir was wie genau machen.

Gar nicht so einfach, wenn ich alle Parameter zusammen nehme: Körper, Musik, Takt, meine Partnerin, die anderen Menschen auf der Tanzfläche, die Anweisungen der Tanzlehrerinnen, Geschwindigkeitswechsel, sowie nicht zuletzt meine und die Gemütslagen aller Beteiligten … ich war erstmal heillos überfordert und nur mit mir selbst beschäftigt, alles irgendwie zusammen zu bekommen.

Aber Übung macht den Meister und langsam verkabelten meine Synapsen die ersten Schrittkombinationen, so dass ich mehr Aufmerksamkeit auf die Umgebung richten konnte. Die Kollisionen mit anderen Paaren wurden weniger und der Annäherungsalarm an den Stützpfeiler in der Mitte der Tanzfläche schrillte seltener in meinem Kopf. Hierbei ist übrigens eine der wenigen festen, organisatorischen Regeln des Tango äußerst hilfreich, die auf der ganzen Welt gilt: immer linksrum im Kreis Tanzen. Als Richtlinie gab unsere Lehrerin uns mit auf den Weg, schön außen zu bleiben, da bei den sogenannten Milongas innen nur die Anfänger tanzen. Kann man machen, muss man nicht. Vermutlich sah die Tanzlehrerin uns schon romantisch verklärt als perfekte Tangueros und Tangueras.

Rahmenbedingungen sind nicht alles

Diese klare Regel und die Kenntnis einiger Schritte halfen mir aber noch nicht dabei, meiner Frau verständlich zu vermitteln, was ich als Nächstes vorhabe. Unsere Füße kamen sich immer wieder in die Quere und jeder Fehler, jede Missinterpretation, dessen, was ich als Nächstes zu tun gedachte, führte zum Stillstand. Und zu der ein oder anderen kurzen Diskussion, was gerade schiefgelaufen war. Nicht im Takt, falsches Signal, falscher Schritt, falsche Reaktion, … reden wir an dieser Stelle erstmal noch nicht über Fehlerkultur.

Mit der Fortdauer des Kurses spielten wir uns besser ein, wir bekamen ein besseres Gefühl füreinander. Sie verstand immer besser, was ich vorhatte, antizipierte öfter, was ich als Nächstes tun würde. Das gab mir die Chance gelassener zu werden und ihr mehr Raum zu geben, um ihre eigenen Ideen umzusetzen. Verzierungen mit einfließen zu lassen, ihre Soloeinlagen einzustreuen oder die Richtung zu ändern. Mir wurde klar, dass es meine eigentliche Aufgabe ist, meine Partnerin gut aussehen zu lassen und dabei dezent souverän zu bleiben. Langsam wurde der Tanz zu einem Dialog, bei dem unsere Körper gegenseitig aufeinander reagieren konnten und der sich aus den Bewegungen heraus ergibt, die auf dem aufbauen, was zuvor geschah. Ok, wir waren und sind bis heute noch weit davon entfernt, das perfekt zu können, denn diese Kommunikation aufzubauen ist Arbeit, braucht Übung und kostet Zeit.

Leadership = Führen und Folgen

Einen großen Sprung in Sachen Führung machte ich persönlich, als wir nach einigen Monaten des Tangotanzens bei einer Veranstaltung des Stuttgarter Burn-Out-Präventiv-Teams einen kleinen Workshop mitmachten. Den Workshop führte die Tangolehrerin Liane Schieferstein von Lalotango durch, die wir kurz zuvor kennengelernt hatten. Wie ihr in meinen Ausführungen sicher schon gesehen habt, hat das Tango tanzen sehr viel mit Leadership zu tun. Das war uns zu dem Zeitpunkt bereits klar und auch Liane hatte damit bereits Erfahrungen gesammelt. Den letzten Kick, damit etwas zu machen, erhielt ich bei einer Übung, bei der ich die Führung abgab und mich führen lassen durfte. Oha, so fühlt sich das also auf der anderen Seite an! Ich sah auf einmal das Führen im Tango aus einer anderen Perspektive. Ganz so, wie wir das in unseren Workshops und Vorträgen zu New Work Leadership vermitteln. Hier konnte ich es körperlich erfahren und mir wurden auch Grenzen bewusst, z.B. wenn ich unerfahrene Partner*innen über-, oder umgekehrt erfahrene Partner*innen, auch unterfordere.

Ok, an der Stelle mögen Kenner des Milieus einwerfen, dass es im Tango doch nichts Besonderes sei, dass Frauen Männer führen, Männer Männer und Frauen Frauen. Ja, genau! Aber zu dem Zeitpunkt waren wir erst ein halbes Jahr dabei und waren einfach noch nicht soweit, das einmal ausprobiert zu haben.

Diese Erfahrungen nutzen – Balanced Leadership

Spätestens an der Stelle war uns dreien klar – Liane, Daniela und mir – dass unsere Erfahrungen auch für andere hilfreich sein müssen. Das besonders Spannende ist, dass – zumindest geht es uns so – eine nahezu sofortige Transferleistung vom Körper in den Kopf stattfindet. D.h. es braucht keine langen kognitiven Erklärungen oder – Achtung Buzzword – Best Practices, was Führen und Folgen bedeutet. Die Lernkurve verkürzt sich demnach. Achtung, es folgt ein Werbeblock: Uns gefallen diese Erfahrungen und Erkenntnisse, die wir beim Tangotanzen gemacht haben, so gut und sie ergänzen sich zu unserer Arbeit mit Organisationen und Führungskräften, dass wir diese weitergeben müssen! Daraus entsteht gerade unser gemeinsames Projekt des Balanced Leadership. Den Namen haben wir mit Bedacht gewählt, denn es geht uns um wechselseitiges Führen in neuen Arbeitswelten, nicht um klassisches Führen in Top-Down-Settings. Es geht um das spielerische Erproben der Balance zwischen Top-Down und Bottom-up.

Diese Art von Neuer Führung vermitteln wir in Workshops, Trainings und Seminaren, mit praktischen Übungen und Impulsen.

Aus dieser Führungsarbeit ergeben sich z.B. Fragen wie:

  • Wie lasse ich mich auf ständig wechselnde Umstände ein, wie beziehe ich die Umweltfaktoren mit ein, wie gehe ich mit der Gruppendynamik um?
  • Wie nehme ich Beziehungsprozesse war und wie verstehe sie?
  • Wie arbeiten wir miteinander und nicht gegeneinander?
  • Wie werde ich mir über mich selbst bewusst und wie nehme ich mein Gegenüber wahr?
  • Wie sende und empfange ich bewusst Führungsimpulse und lasse dabei meinen Folgenden Raum?
  • Wie gehe ich mit Fehlern um: Daniela und ichnehmen sie übrigens mittlerweile wertfrei zur Kenntnis, halten kurz inne, um uns zu sammeln und tanzen dann weiter.)
  • Ihr lernt, Fertigkeiten bei Euch und bei anderen wahrzunehmen, sie tiefer kennenzulernen und auszuschöpfen.
  • Ihr erprobt einen sinnvollen Umgang mit Grenzen und Rahmenbedingungen, erkennt, wie und ob ihr mit ihnen in Dialog treten könnt.

Übrigens, keine Sorge: Natürlich sind keine Tango-Vorkenntnisse für Balanced Leadership notwendig, denn letztendlich geht es um Prinzipien und die Essenz aus dem Tanz.

Weitere Infos gibt es bald auf balanced-leadership.de und wer sich schon einmal vom Tango inspirieren lassen möchte: Dieses Wochenende findet die Danceworld im Rahmen des Stuttgarter-Messefrühlings statt. Dort könnt Ihr Liane am Stand der Stuttgarter Tangoschulen treffen.

Mit besten Grüßen
Stefan

 

Bildquelle: pixabay, CC-0 Lizenz gemeinfrei, bearbeitet

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