Es ist wieder passiert! Gut, es kam nicht absolut unerwartet, denn auch die letzten Male verkabelten sich Synapsen und aktivierten sich meine grauen Zellen in besonderem Maße. Allerdings bin ich doch erstaunt, dass es praktisch jedes Mal geschieht. Obwohl oder gerade weil die Themen bei den Treffen der Liberating Structures Group in Stuttgart tendenziell eher zweitrangig sind, bringen mich die Meet-Ups immer wieder ins Grübeln. Denn auch bei vermeintlich „einfachen“ Themen kommen bei bis zu 50 Menschen unfassbar wertvolle Perspektiven zu Tage. Und genau das ist für mich eine der ganz großen Stärken der bisherigen „Übungsstrings“ der Usergroup Stuttgart. Ich bekomme in wenigen Stunden viele persönliche Ansichten, Einstellungen und Meinungen zum Thema des Abends in einer offenen Form mit, die ich so sonst nur selten erlebe. Beim letzten Mal lautete das Leitthema: „Erfolge feiern! Auch in Kleinem kann Großes wohnen.“

 

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Erfolge feiern, ja klar! Oder?

Ich möchte diesmal gar nicht auf die einzelnen Strukturen eingehen, sondern mehr auf das Thema und was der Abend bei mir für Gedanken ausgelöst hat. Zunächst war ich etwas skeptisch als ich das Thema auf dem Flipchart las. Erfolge feiern, ja klar! Anerkennung brauchen wir Menschen alle und meist bekommen wir zu wenig davon, also ist es doch wichtig, eben auch die kleinen Dinge zu feiern. Fertig. Oder?

Bei der ersten Struktur, dem „Mad Tea“ – bei dem ich in kürzester Zeit mit 5 oder 6 Menschen kurz über das Thema sprach, merkte ich, dass viele ähnlich dachten. Ja klar, Erfolge muss man feiern, auch wenn sie noch so klein sind. Think positive! Das machte mich schon einmal skeptisch und ich begann in meinem Hinterstübchen routinemäßig darüber nachzudenken, was denn eigentlich ein Erfolg ist und was es bedeutet zu feiern.

Als dann in der nächsten Runde – dem „Conversation Café“ – in meiner Gruppe sinngemäß jemand sagte, dass jeder noch so kleine Erfolg gefeiert werden müsse, um Negatives in den Hintergrund zu rücken oder gar zu überdecken, sprang mein innerer Advocatus Diaboli an. Diesmal allerdings nicht nur, weil ich es für nötig hielt, dass jemand eine Gegenposition einnimmt, um die relativ einhellige Gruppenmeinung auf den Prüfstand zu stellen, sondern weil mir das tatsächlich alles ein bisschen zu positiv gesehen wurde. Daher warf ich ein, dass ich es gar nicht so gut fände, jeden kleinen Erfolg zu feiern, wenn das, was ich tue schlicht und ergreifend nur die Erfüllung meines Jobs ist. Was mich allerdings auch zu der Frage führte, was denn eigentlich ein Erfolg ist und was wir unter Feiern verstehen. Das hatten wie bis zu diesem Punkt nämlich noch nicht geklärt.

 

Was ist eigentlich Erfolg und wie feiert man ihn?

In der folgenden Diskussion stellte sich heraus, dass die Definitionen von Erfolg und Feiern sich sehr deutlich unterschieden und sehr individuell sind. Viele Aussagen der anderen wurden so für mich deutlich verständlicher. Denn wenn ich unter „feiern“ ein schlichtes Lob oder ein „Danke“ verstehe, ist das etwas anderes, als eine Flasche Schampus aufzumachen und eine Party zu feiern. Hier zeigte sich für mich, wie sich die Bedeutung des Begriffs „feiern“ in den letzten Jahren gewandelt hat. Während jüngere Menschen heute alles, jedes und jeden „feiern“, bin ich in meinem gesetzteren Alter noch näher an der ursprünglichen Definition des Begriffs, das „Begehen eines festlichen Anlasses“. Für mich ist Feiern eher etwas Besonderes, als dass es etwas Alltägliches ist. Meine Skepsis bezog sich also auf mein eigenes Begriffsverständnis. Denn wenn ich jeden Erfolg als etwa Besonderes sehe und jeden noch so kleinen Erfolg oder auch nur Teilerfolg inflationär feiere, obwohl ich an sich nur meinen Job gemacht habe, was ist das dann noch wert? Ich meine nicht wirklich viel. Ein authentisches Lob oder Danke als Anerkennung ist dagegen immer angebracht, das würde ich persönlich aber nicht als „Feiern“ bezeichnen.

 

Erfolg = Erreichen eines Ziels

An dieser Stelle muss ich mich bei einem weiteren Begriff selbst korrigieren – der Begriff „Erfolg“. Ich hatte an dem Abend für mich einen Erfolg als etwas Besonderes definiert. Meine kleine Wortherkunfts-Recherche belehrte mich da eines Besseren. Ein Erfolg ist schlicht und ergreifend als das „Erreichen eines Ziels“ definiert. Für mich im Nachhinein ein zweiter Grund, nicht jeden Erfolg zu „feiern“. Ich habe mir zum Beispiel für heute Nachmittag das Ziel gesetzt, diesen Blogartikel zu schreiben und als Podcast zu vertonen. Das Ziel erreiche ich voraussichtlich, dafür werde ich mich aber nachher nicht feiern. Denn ich finde, das ist kein besonders ambitioniertes Ziel, sondern lediglich ein realistisches. Ich werde meinen Job erledigt haben und zufrieden mit mir sein.

Hätte ich heute Nachmittag ein höher gestecktes Ziel erreicht, sähe das anders aus. Zum Beispiel 20 neue Teilnehmer*innen und zwei Sponsoren für unsere (Un)Konferenz im März zu gewinnen. Dafür hätte ich mich gerne von meinen Kolleg*innen feiern lassen. Dann hätte ich zwar im Prinzip auch nur meinen Job gemacht, aber das Ziel wäre doch wesentlich ambitionierter gewesen und das Erreichen desselben durchaus etwas Besonderes. Dafür hätte ich mich dann auch selbst gefeiert. Und das ist vielleicht auch nochmal eine wichtige Erkenntnis, die ich aus diesem Abend und der Beschäftigung mit dem Thema mitgenommen habe. Wenn Du Deiner Meinung nach etwas Außergewöhnliches geleistet hast, feiere Dich selbst und erkenne Deine eigene Leistung an – das ist mindestens so wichtig, wie wenn Du von anderen gefeiert wirst!

 

Fazit:

Was ein Erfolg ist, was Feiern bedeutet, wann ein Danke oder ein Lob reicht und ab wann „party hard“ angesagt ist, ist sehr individuell. Das hängt von den Personen, Organisationen und der jeweiligen Kultur ab. Manche Menschen brauchen mehr Anerkennung, manche weniger. Manche sind in der Lage sich selbst zu „feiern“ manche nicht. Wichtig ist, dass egal was ihr tut, ihr authentisch und ehrlich bleibt, egal ob ihr nur ein Danke aussprecht oder einen Erfolg mit einer Party feiert. Denn ein Danke, nur um des Dankes als Floskel willen, ist nicht viel wert.

Mit besten Grüßen
Stefan

Titel: Pixabay (CC0 Creative Commons) bearbeitet

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