Kultur der Nachhaltigkeit: Jahreskonferenz des RNE 2017

Kultur der Nachhaltigkeit - Street Art Foto

Was ist Kultur und was kann eine Kultur der Nachhaltigkeit leisten? Diese große Frage stellte sich die Jahreskonferenz des Nachhaltigkeitsrates in diesem Jahr und bot dazu ein Podiumsgespräch an, bei dem ich Impulsgeberin sein durfte. Im Gespräch mit Dieter Kosslick (Internationale Filmfestspiele Berlin) und Jörg Thadeusz (Schriftsteller, Radio- u. Fernsehmoderator) versuchten wir, die Kultur der Nachhaltigkeit greifbar zu machen. Natürlich kann ein so komplexes Thema in einer kleinen Gesprächsrunde nur rudimentär angerissen werden. Weil mir das Thema aber essentiell für eine Weiterentwicklung von Nachhaltigkeit zu sein scheint, ergänze ich in diesem Beitrag einige Aspekte dieses vielfältigen und komplexen Themenfeldes.

Die Arbeit an den Begriffen

„Wir sind noch gar nicht bei den Begriffen angelangt“, sagt Johannes Stüttgen, ehemaliger Beuys-Schüler, gerne. Er meint damit, dass wir in unserer Sprache häufig mit abstrakten Begriffen hantieren, deren Bedeutung individuell unterschiedlich verstanden wird. Abstrakte Begriffe haben – wie Substantive grundsätzlich – Symbolcharakter und sind immer eine Verdichtung eines hohen Bedeutungsgehaltes. Genauso ist es mit dem Begriff der Kultur.

Weil der Begriff der Kultur einen so hohen Bedeutungsgehalt hat, ist es ist manchmal einfacher zu sagen, was Kultur nicht ist: Kultur ist kein statischer Zustand und hat keine feste Form. Kultur ist ein permanenter Prozess und ein aktives Gestalten und Handeln aller Beteiligten.

„Ich bin Kultur“ – Kultur ist ein Teil von mir

Kultur ist nicht abgekoppelt vom Individuum, sondern im Gegenteil: Jeder Mensch hat eine eigene kulturelle Identität, die ihn als Subjekt kennzeichnet und die sich im Laufe des Lebens mit ihm entwickelt und wächst. Als Menschen sind wir organische Kulturwesen. Kultur als Wert im Kontext Nachhaltigkeit kann demnach weitgehend in der sozialen Dimension des Nachhaltigkeitsmodells (integrierendes Nachhaltigkeitsdreieck) angesiedelt werden – mit entsprechenden Wechselwirkungen und Schnittstellen in die beiden anderen Dimensionen: Ökologie und Ökonomie. Darüber hinaus ist es natürlich sinnvoll, wenn auch Kulturinstitutionen ökologische Maßnahmen im Nachhaltigkeitskontext umsetzen, wie die Berlinale es bereits seit Jahren praktiziert.

Wenn wir Kultur also so verinnerlicht haben, sollte es doch einfach sein, eine Kultur der Nachhaltigkeit umzusetzen bzw. zu beantworten, was Kultur für eine Nachhaltige Entwicklung leisten kann, oder?

Ökologische vs. Soziale Nachhaltigkeit

Nein, es ist nicht so einfach, denn der Begriff Nachhaltigkeit wird im allgemeinen Verständnis zuerst mit dem Begriff Umwelt/Ökologie verknüpft. Dieses Verständnis ist historisch bedingt und wird auch aktuell noch so tradiert. Man denke nur an die unzähligen Verweise auf Carl v. Carlowitz, die direkt auf den Kontext Umwelt zielen.

Eine Adressierung der sozialen Ebene der Nachhaltigkeit ist im üblichen Verständnis soweit angekommen, als dass diese Ebene oft mit sozialem Engagement verbunden wird. Danach folgen faire Arbeitsbedingungen, die aber häufig näher am Thema Compliance liegen. Das heißt, es geht nicht um eine aktive Gestaltung, sondern um Vermeidung von Missständen, z.B. weil Sanktionen zu erwarten sind. In Bereichen, die erst anfangen, sich mit Nachhaltigkeit zu befassen, wird demnach oft zuerst an die ökologische Ebene angeknüpft.

Forum 7 – Kultur der Nachhaltigkeit

Der Titel eines der parallel stattfindenden Foren – das Forum 7 – lautete: „Nachhaltigkeitskultur – ein Gespräch mit Gästen“. Im Gespräch gerieten die Teilnehmenden schnell auf die Umsetzungs- und Reaktionsebene. Sie überlegten und berichteten, was technisch verändert werden kann, welche Maßnahmen greifen könnten, um ökologische Nachhaltigkeit im Kulturbetrieb zu erreichen, wie z.B. LED’s im Theater statt konventioneller Beleuchtung verwendet werden könnten oder der rote Teppich der Berlinale aus essbarem Material hergestellt werden könnte. Leoni Beckmann verwies mit dem Restlos Glücklich e.V. auf Lösungsmöglichkeiten für die Lebensmittelverschwendung. Das Gespräch adressierte also hauptsächlich die ökologische Ebene mit ihren vielfältigen Handlungsmöglichkeiten. In der anschließenden Fragerunde kritisierte Harald Welzer, dass das Gesprächsthema zu technokratisch beleuchtet wurde und das Potential von Kunst und Kultur zu wenig zur Sprache gekommen sei. Er fragte also explizit nach der sozialen Ebene, nicht nach der ökologischen.

Das Potential bei Nicht-Kulturschaffenden

Ganz außer Acht blieb die soziale Ebene dennoch nicht, denn das Potential und die Kraft von Kunst und Kultur wurde in der Runde ausgerechnet – und das beobachte ich häufig – von einer Nicht-Kulturschaffenden angesprochen. Elisabeth Mars (Arbeitsstelle Weltbilder) hatte sich eine Hand blau angemalt. Sie referierte damit auf das „einfach anders“-Projekt, in dem es um die Erfahrung mit anderen Identitäten ging. Die blaue Hand spiegelte das Merkmal körperlicher Auffälligkeit und darf als künstlerisches Mittel verstanden werden: Irritation erzeugen und damit in den Dialog kommen. Fragen stellen statt Antworten geben. Muster brechen.

Kultur auf gesellschaftlicher Ebene

Um zu verstehen, welche Kraft grundsätzlich in Kunst und Kultur für eine nachhaltige Entwicklung steckt, ist es zunächst hilfreich, auf spezielle Projekte im professionellen Bereich zu schauen. In der Theaterarbeit gibt es etliche Beispiele, die z.B. gemeinsam mit geflüchteten, professionellen Künstlern arbeiten (z.B. Exil Ensemble am Maxim Gorki Theater), interkulturelle Begegnungsfelder schaffen (z.B. Kunstprojekt Operndorf Afrika von Ch. Schlingensief) oder kollektive Traumata adressieren (wie z.B. der gezeigte Film des Global Arts Corps). Was Kunst hier auf einer gesellschaftlichen (und internationalen) Ebene leisten kann ist z.B.:

•    das Spiegeln von Situationen, Phänomenen und Umständen als Reflexionsfläche
•    kritisches Aufbereiten von historischen Inhalten für die Gegenwart oder
•    Kommunikation herstellen in Bewegung, Bild, Skulptur und Installation, wenn die Sprache fehlt oder nicht ausreicht.

Dennoch muss man auch verstehen, dass in unserer privilegierten westlichen Welt die übliche Zielgruppe des institutionalisierten Kulturbetriebs Kultur und Kunst oft (Ausnahmen bestätigen die Regel) als etwas von sich selbst Abgekoppeltes versteht. Ein Weiterdenken oder Handeln über den Theater-, Kino- oder Museumsbesuch hinaus ins eigene Leben findet wenig statt.

Die Energie der Alltagskultur

Ein deutlich höheres Potential, um persönliche Handlungsimpulse auf einer breiteren Ebene zu wecken, steckt meiner subjektiven Einschätzung nach in der Alltagskultur. Dort, wo ich Menschen im Alltag und am Arbeitsplatz mit künstlerischen Mitteln erreichen kann, sei es mit

•    Irritation und Intervention,
•    Perspektivwechsel und Musterbruch,
•    direktem Dialog und Hinterfragen von Begebenheiten oder
•    direkten Partizipations- und Entscheidungsmöglichkeiten,

bietet sich die Möglichkeit zur individuellen Reflexion und zum Innehalten. Ist dieser Raum eröffnet, mündet er nahezu ohne Ausnahme in einen bewussten Prozess von Veränderungen, weil die eigene Wirksamkeit sichtbar wird.

Beuys und der erweiterte Kunstbegriff

Und damit bin ich – wie immer – bei Beuys und dem erweiterten Kunstbegriff: Wenn ich verstehe, dass ich als Individuum in der Lage bin, meine Gedanken und daraus mein Handeln zu formen, wird klar, dass dieser Vorgang ein genuin künstlerischer Prozess ist: nämlich der des schöpferischen Gestaltens. Das Wunderbare daran ist, dass ich diese Fähigkeit habe, ohne sie erlernen zu müssen. Sie ist jederzeit abrufbar.

Soziale Skulptur in grün und orange

Sidekick: Dass diese künstlerische Fähigkeit jederzeit abrufbar ist, bewies Günther Bachmann, der durch den Tag moderierte, in folgender Situation: Vor dem Besuch der Kanzlerin wurden die ersten 5 Reihen als „reserviert“ markiert. Dies wurde bei Twitter (vielleicht auch über andere Kanäle) kritisiert, da somit „der Pöbel“ wohl in die hinteren Reihen verwiesen würde. Kann man so sehen, muss man aber nicht. Herr Bachmann reagierte mit einem künstlerischen Musterbruch: Er bat darum, nicht die Hierarchie in der Stuhlreihung zu sehen, sondern löste die vermeintliche Hierarchie mit folgenden Worten auf: „Sehen Sie es einfach so: die ersten 5 Reihen sind orange, die weiteren Reihen grün.“ (zur Erklärung: Podiumsteilnehmende und Gäste des Protokolls trugen orange Aufkleber, alle anderen Teilnehmenden grüne Aufkleber)

Farben haben im allgemeinen Verständnis keine Hierarchie. Wenn keine formale Hierarchie oder Struktur vorhanden ist, d.h. es keine feste Form gibt, spricht Beuys von der Plastizität der Gedanken oder auch von der Sozialen Skulptur. Eine solche Soziale Skulptur schuf Herr Bachmann in der vorher beschriebenen kleinen Situation.

Die soziale Nachhaltigkeit der Alltagskultur

Die Alltagskultur in Perfektion und als Musterbeispiel für soziale Nachhaltigkeit konnte man an diesem Tag zum Abschluss der Jahreskonferenz bewundern: ein Auftritt des Straßenchors Berlin unter der Leitung von Stefan Schmidt und in Begleitung der Faster-Than-Light-Dance-Company. Hier wurde für alle sichtbar, welche Kraft Kunst und Kultur entfalten kann: eine äußerst gelungene, gemeinsame Ko-Kreation von Menschen, die üblicherweise nichts mit der sogenannten Hochkultur zu tun haben und doch etwas von hoher Qualität erschufen, was zum Nachahmen auffordert.

Das, was der Straßenchor auf der Bühne zeigte, war das Ergebnis eines sozial nachhaltigen Prozesses. Der unsichtbare Prozess, der zu diesem Ergebnis führte, fand hinter der Bühne und im Alltag der Protagonist*innen statt: eigene Fähigkeiten entdecken, die eigene Stimme finden, Selbstwirksamkeit erfahren, das Individuum in der Gemeinschaft sehen, Fehler und Irrtümer akzeptieren, kommunikativer Austausch, Struktur im Alltag, interkulturelle Kompetenzen entwickeln und Grenzen überwinden.

Oder um es mit Thommy, einem der Straßenchor-Sänger, zu sagen: „Wir machen das einfach, wir probieren aus und geben unser Bestes.“ So einfach kann eine Kultur der Nachhaltigkeit sein.

Herzliche Grüße
Daniela Röcker

 

Nachwort: Wenn Sie mögen, dann unterstützen Sie doch den Straßenchor Berlin. Die öffentliche Kulturförderung reicht leider alleine nie aus, um solch tolle Projekte langfristig finanziell zu sichern: www.derstrassenchor.com

Weitere Links:
http://www.nachhaltigkeitsrat.de/jahreskonferenz/programm/
http://globalartscorps.org/home/

Bildquelle: Pixabay, CC-0 Lizenz, gemeinfrei

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