Das Lean Management ergänzt die – aus der Lean Production bekannten – sieben Verschwendungsarten, um eine Achte: das ungenutzte Wissen der Mitarbeiter*innen. Was bedeutet das? Ganz einfach, wenn Unternehmen nicht in der Lage sind, die Kenntnisse und Fähigkeiten aller Beteiligten auszuschöpfen, verschwenden sie ein Wissens- und Innovationspotenzial von unschätzbarem Wert. Das alleine ist schon schlecht genug, dieser Zustand hat aber noch eine weitere negative Auswirkung. Menschen, denen nicht zugehört wird, verlieren die Motivation, sich aktiv zu beteiligen. Und sie entwickeln keine fruchtbaren Beziehungen zu ihrem Team und ihrem Unternehmen – ein Teufelskreis namens „Dienst nach Vorschrift“.

Diese Art von Verschwendung tritt vor allem dann auf, wenn Führungskräfte die Mitarbeitenden nicht in Entscheidungsprozesse involvieren. Unter anderem dann, wenn sie keine Fragen stellen und nicht bereit oder in der Lage sind, den Menschen, mit denen sie zusammenarbeiten sollen, zuzuhören.

Wie kann diese Verschwendung vermieden werden?

Vier Stufen des Zuhörens und voneinander Lernens

Ein erster Schritt, um diese Verschwendung zu vermeiden, ist, sich darüber bewusst zu werden, wie Menschen in einem Unternehmen miteinander kommunizieren. Eine gute Hilfestellung dafür bietet die Theorie U von C. Otto Scharmer.

Gute Beziehungen beginnen mit einer ganz zentralen Schlüsselfertigkeit: dem Zuhören. Wenn ich gut zuhöre, sind meine Beziehungen weniger verschwenderisch. In sehr guten Beziehungen gibt es praktisch keine Verschwendung, sondern stattdessen Ressourcen für alle, die involviert sind. Um gut zuhören zu können, ist es hilfreich, die eigene Wahrnehmung zu trainieren. Die 4 Stufen des Zuhörens und Lernens, die ich im Folgenden darstelle, basieren auf den vier Dimensionen des Zuhörens und Lernens aus der Theorie U.

1. Stufe: Downloading

Unser Handeln und Denken basiert überwiegend auf vertrauten Mustern. Ein uns bekannter Reiz löst in uns automatisch eine gewohnheitsmäßige Reaktion aus. Dieses „Downloading“ blockiert dabei unseren Blick auf die Realität. Die Wahrnehmung erfolgt aus unserem eigenen Zentrum heraus.

Wenn Kommunikation und Interaktion auf diesem gewohnten Herunterladen von Mustern aus der Vergangenheit basieren, erzeugt dies kollektive Verhaltens- und Denkmuster. Menschen sagen dann oft nicht das, was sie wirklich denken. Sie sagen Dinge, von denen sie annehmen, dass die andere Person diese hören will, weil sie dem gelernten Muster oder Ritual entsprechen wollen. Häufig sind es lediglich Höflichkeitsfloskeln, die nichts aussagen. Scharmer findet dazu ein schönes Beispiel, welches wir nahezu täglich unhinterfragt verwenden:

„Wie geht es Ihnen?“
„Ausgezeichnet, danke.“

2. Stufe: Seeing

In dem Moment, in dem ich das reine Herunterladen erkenne und merke, dass ich aus Gewohnheit handle, bewege ich mich auf das „Seeing“ (Sehen) zu. Meine Wahrnehmung wird schärfer und ich nehme die Realität wahr, mit der ich mich jetzt gerade konfrontiert sehe. Meine Wahrnehmung findet an der Grenze zwischen mir – dem Betrachtenden – und der Person statt, die ich beobachte, mit der ich interagiere. Es ist ungefähr so, als ob ich zu einem Fenster im Raum gehe, es öffne und nach draußen schaue und höre.

Auf dieser Stufe finden häufig Debatten (von franz. débattre: (nieder-)schlagen) statt. Ich sehe eine Situation, höre, was die anderen darüber denken und nehme meine eigene Position dazu ein. Ich entgegne das, was ich denke und verteidige meinen Standpunkt. In einer solchen Debatte werden andere Perspektiven und Standpunkte sicht- und hörbar. In Debatten äußern Menschen ihre Meinung, aber beziehen die anderen Perspektiven nicht in die eigenen Überlegungen ein. Beispiel:

„Wie geht es Ihnen?“
„Mir geht es miserabel.“

3. Stufe: Sensing

Die folgende Stufe nennt Scharmer „Sensing“. Ich bewege mich vom reinen Sehen und Hören zum Fühlen und erweitere dadurch den Raum der Wahrnehmung. Ich sehe den Standpunkt des anderen Menschen und beschäftige mich damit (Empathieempfinden). Ich gehe heraus aus der Verteidigung und erkunde die anderen Standpunkte. Ich versuche, mich in diese Position hinein zu versetzen und beginne, das ganze System, in dem wir uns momentan befinden, zu erkennen und es in Gänze zu betrachten. Ich begebe mich in ein selbstreflexives System und betrachte mich von außen.

Dieses Ganze wahrzunehmen, beschreibt die Grundidee des Systemdenkens. Systemisches Denken betrachtet den Feedback-Zyklus zwischen der Erfahrung der Realität (was das System mit uns macht) und der Wahrnehmung der Systemverbindung (was ist meine Rolle im System). Auf dieser Ebene ist ein echter Dialog und eine Transformation möglich. Zu einem Dialog gehört als wichtigstes Element, das aktive Zuhören.

Beispiel:

„Wie geht es Ihnen?
„Weiß nicht. Aber wie geht es Ihnen?“
“Weiß es auch nicht. Ich kam hier mit einem nervösen Gefühl an.
„Ich bin ein wenig unsicher.“
„Ja? Wirklich? Um ehrlich zu sein, ich fühle genauso. Aber warum eigentlich?“

4. Stufe Presencing

Presencing ist eine Wortschöpfung aus Sensing (Wahrnehmung) und Presence (Anwesenheit) und bedeutet, dass man sich mit der Quelle der höchsten Zukunftsmöglichkeit verbindet und sie in die Gegenwart bringt.

Die Wahrnehmung im Presencing erfolgt aus dem Entstehen der zukünftigen Möglichkeiten. In dieser Phase beschäftigen wir uns mit unserem Werden oder authentischen Selbst und fragen uns, was wir wirklich, wirklich sein wollen und was wir sind.

Presencing ist eine Bewegung, in der wir unserem Selbst aus einer entstehenden Zukunft begegnen. Der Unterschied zwischen Sensing und Presencing besteht darin, dass sich die Wahrnehmung im Sensing auf die gegenwärtige Ganzheit und im Presencing auf eine mögliche zukünftige Ganzheit verlagert → Wie wollen wir in Zukunft miteinander leben und arbeiten, was ist das Bestmögliche, was wir aus dieser Situation machen können? Diese Ebene ist ein schöpferisches System, in dem Ko-Kreation und echte Innovation möglich werden. Ich höre den anderen und mir selbst zu.

Beispiel:

„Ich frage mich, ob Du möchtest, dass wir Dich als Mensch und Deine Arbeit in unserer Konstellation mitnehmen.“

Auf die richtige Mischung kommt es an

Auf welchen Stufen wird in Eurem Unternehmen kommuniziert? Aus unserer Erfahrung heraus befinden sich die meisten Gespräche in Unternehmen, die noch nichts mit Lean Management oder „New Work“ und Selbstbestimmung am Hut haben, auf den ersten beiden Ebenen: die Menschen hören sich nicht zu – und verschwenden damit, das Wissen ihrer Mitarbeiter*innen. Wer es häufig auf die Stufe 3 schafft, ist schon sehr weit gekommen. Die Stufe 4 regelmäßig zu erreichen, ist eine echte Herausforderung und braucht viel Geduld und Training.

Das soll im Übrigen nicht heißen, dass es das Ziel ist, alle Besprechungen auf Stufe 4 zu führen. Das ist überhaupt nicht notwendig, denn in einer gesunden Unternehmenskultur finden sich alle vier Stufen wieder. Es ist nur die Kunst, situationsabhängig, die richtige Stufe zu erreichen. Wenn es um die zukünftige Strategie des Unternehmens geht, wäre es sicher wünschenswert, sich auf Stufe 4 oder wenigstens Stufe 3 zu unterhalten. Wenn ich meinen Kolleg*innen nur sagen möchte, dass ich jetzt nach Hause gehe und ihnen einen guten Abend wünsche, reichen die bewährten Muster auf Stufe 1 meist völlig aus.

Bis bald!
Stefan

Quelle: C. Otto Scharmer, Theorie U – Von der Zukunft her führen – Presencing als soziale Technik (2006)

Bildquellennachweis: Grafik – eigene; Headerfoto – pixabay, CC-0 Lizenz, gemeinfrei, bearbeitet

Lasst uns endlich diese verdammte Brücke bauen!
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