„Gestatten, ich bin der Anti-Chef und ich stehe für ein neues Zeitalter – mehr Leadership, weniger Führung. Chef sein bedeutet für mich Haltung, Moderation, Ermöglichen. Top-Down-Entscheidungen lehne ich ab, in meinem Team entscheiden wir demokratisch, im Konsens oder Konsent.“ Hm… Anti-Chef…Tatsächlich habe ich in letzter Zeit mehrmals diese Bezeichnung gelesen oder gehört und bin dabei ein wenig zusammengezuckt.

Meine Synapsen assoziierten sofort wie wild in meinem kleinen Kopf und bildeten Analogien zu Antichrist oder Antifa. Ging ganz schnell und spontan. Anti-Chef? Was soll das sein? Kommt jetzt growlend der Leibhaftige aus den Tiefen der tiefsten Tiefe und will mich in seinen Höllenschlund ziehen? Oder werde ich mich jetzt bis an mein Lebensende vermummen müssen ob meiner illegalen Übergriffe? Nee, oder?

Schöne neue Anti-Chef-Welt

Vor meinem geistigen Auge formt sich ein Bild eines solchen Anti-Chefs: gutgelaunt schwebt er morgens gegen 9 mit einem fröhlichen „Hey, ich habe heute meine Yoga-Morning-Routine auf 45 min ausgedehnt, und Du?“ ins Büro. Hängt lässig seinen extra fürs High-Class-Fahrradfahren designten High-Tech-Functional-Anorak an die Garderobe. Tauscht die maßgeschneiderte Fahrradhose und die veganen Sneakers gegen recycelte Jeans und Leguano-Zehensocken.

Beim „daily“ wackelt er auf dem rückenschonenden, ergonomischen Sitzhocker herum, schlürft einen Chai-Latte mit Hafermilch und krault dem Bürohund Cäsar die Ohren. Beim Kundentermin weist er den Kunden energisch zurecht, dass dieser bitte nicht ihn, sondern die Teamleiterin, die beflissentlich alle vorbereiteten Unterlagen verteilt, ansprechen soll und das bitte ausschließlich wertschätzend, sie sei „seine beste Kraft“ und schließlich näher am ihm, dem Kunden, dran.

Zwischendurch nimmt er lächelnd mit einem „Tschuldigung, Familie. Ist wichtig.“ Anrufe seiner Frau, der beiden Kinder und der bettlägerigen Oma an und koordiniert deren Tagesablauf. Später am Tag stehen strategische Entscheidungen im Bereich XY an, das Team pitcht straff organisiert am Kanban-Board Verschiedenes zur Auffrischung.

Der Anti-Chef hört allen mit wohlwollend-freundlichem Kopfnicken zu und gibt dann Kommentare dazu wie „Finde ich total klasse, wie ihr Euch alle engagiert habt, nur kurze Zwischenfrage: Habt ihr auch an den CO2-Ausgleich gedacht?“ und „Ok, prima, reicht mir schon, ich verstehe total, dass Euch das wichtig ist. Aber checkt bitte den Lifecycle, ich könnte mir vorstellen, dass da noch optimiert werden kann.“

Punkt 16 Uhr verabschiedet er sich aus dem Meeting, dass nicht mehr Meeting, sondern Stand-up heißt, mit den Worten „Denkt bitte daran, Euch noch in die Müllsammel-Challenge-Liste fürs Wochenende einzutragen. Wir wollen doch mit gutem Beispiel voran gehen, nicht wahr?“ Von der Assistentin (ja, die gibt es immer noch) läßt er sich seinen Einkaufszettel für den Bio-Markt aufs Handy schicken, nicht ohne sie daran zu erinnern, erneut Stromspartipps an alle im Team zu verteilen und darauf hinzuweisen, dass er selbst zuhause alle Lichtquellen mit LEDs ausgestattet hätte.

Dann entschwebt er, um den Abend mit seiner Familie bei einer Demo der #CriticalMass-Bewegung und anschließendem Veggie-Döner ausklingen zu lassen. Natürlich twittert er live von der Demo.

Kannte Simone de Beauvoir den Anti-Chef?

Jetzt muss ich meine Synapsen beim orgiastischen Feiern stoppen, sonst verknüpft sich dieses Bild mit anderen in meinem Kopf und das würde tatsächlich den Höllenschlund öffnen. Nicht gut an der Stelle. Aber dennoch piekst es in meinem feministisch-verbrämten Hirnareal und ich denke an Simone de Beauvoir, deren Todestag sich erst kürzlich wieder jährte. Simone de Beauvoir, Feministin, Schriftstellerin und Partnerin von Jean Paul Sartre, hat zeitlebens „das Andere“ thematisiert: das andere Geschlecht, das Andere in Abgrenzung zu allem, was nicht ich bin (Ich werde in einem späteren Blogbeitrag zum Thema Diversity noch einmal genauer darauf eingehen).

Und jetzt taucht wieder etwas vermeintlich „Anderes“ auf, nämlich der Anti-Chef in Abgrenzung zum Chef. In diesem Verständnis ist der Chef derjenige, der in der „alten Arbeitswelt“ Command-and-Control über seine Belegschaft ausübte, der Patriarch, der Unternehmenslenker (wie sich eine solche Persönlichkeit in Transformationsprozessen auswirkt, hat Stefan in diesem Blogbeitrag beschrieben). Der Anti-Chef der „neuen Arbeitswelt“ ist der Coach, der Kümmerer, der Enabler, der Dienende. Übrigens, nebenbei bemerkt: von einer Anti-Chefin habe ich bisher noch nichts gehört. Sollte vielleicht zu denken geben…

Ist der Anti-Chef tatsächlich etwas anderes als der Chef?

Doch, was soll denn falsch sein an diesem Anti-Chef? Jede/r New Work Enthusiast/in würde sich einen solchen Chef bzw. Anti-Chef doch wünschen, oder? Ich denke, oberflächlich gesehen, kann es sein, dass ein solcher Chef die wahrgewordene New Work Utopie schlechthin ist. Wenn ich tiefer schaue, stellt sich mir die Frage: Ist der Anti-Chef tatsächlich etwas anders als der Chef? Ok, die Frage war rhetorisch gemeint, denn ich denke, dass er das nicht ist – zumindest nicht immer.

Es ist m.E. eine Gratwanderung, die sich regelmäßig und ausschließlich an der individuellen Person messen läßt. Der Anti-Chef oben im Beispiel ist nahezu permanent im Sendemodus. Seine Funktion als Chef drückt sich in seiner persönlichen Selbstinszenierung aus, nicht aber im wirklichen Zurücktreten, um anderen Raum zu geben. Er ist lediglich die Reproduktion der alten Chefrolle, nur mit einem mutmaßlich modernen, zeitgemäßen Anstrich. Und der Anti-Chef oben macht es einem nicht leicht, denn wer sich für Nachhaltigkeit und Klimaschutz ausspricht, dem kann man schwerlich widersprechen. Und wer einem augenscheinlich und offen Wertschätzung ausspricht auch nicht.

Das „wie“ ist für New Leadership relevant

Doch, man kann. In diesem Fall ist das „Wie“ entscheidend. Denn gut gemeint, ist noch lange nicht gut gemacht. Es macht einen deutlichen Unterschied, wenn jemand, der/die zweifellos als mir hierarchisch übergeordnet wahrgenommen wird, mich im Beisein eines Kunden in der oben genannten Form – „meine beste…“ – lobt oder ob diese/r jemand sich zurückhält und mir selbst die Kommunikationshoheit überläßt. Alle Formulierungen, die im Unternehmenskontext mit „meine…“ beginnen, können als Aneignung interpretiert werden. Ich gehöre weder dem Unternehmen noch dem Anti-Chef, sondern wir haben einen gegenseitigen Vertrag geschlossen und niemand hat hier in irgendeiner Weise Eigentum an mir erworben.

Es macht weiterhin einen Unterschied, ob meine bzw. unsere Teamleistung im ersten Schritt als „toll engagiert“ gelobt wird, im zweiten Schritt jedoch gefragt wird „ob wir an XY gedacht hätten“. Das hat etwas von Lehrer-Schüler-Verhältnis und ist mit einem Kontrollanspruch verbunden. Natürlich soll das nicht heißen, dass ein gewisses Maß an konstruktiver Kontrolle im New Work Kontext generell abzulehnen wäre, aber es ist hilfreich, ein feines Bewusstsein für Kontrollmechanismen auszubilden und Fingerspitzengefühl zu entwickeln.

Und last but not least: ob ich mich persönlich nachhaltig verhalte, muss bei aller guten Absicht, mir ganz alleine überlassen bleiben. Wenn ich es als Anti-Chef für notwendig befinde, Nudging/Beeinflussung in Richtung Nachhaltigkeit zu betreiben, kann es sein, dass das Kind schon in den Brunnen gefallen ist, denn dies könnte ein Anzeichen dafür sein, dass ich meine persönlichen Ziele nicht mit denen meiner Mann- und Frauschaft abgeglichen habe, geschweige denn gemeinsame Ziele erarbeitet habe.

Leadership vs. Führung

Egal ob Anti-Chef oder Servant Leader, für beide ist es hilfreich sich kurzen und prägnanten Leadership-Definition Druckers anzunähern:

 

“The only definition of a leader is someone who has followers.” (P. Drucker)

 

In diesem Sinne braucht ein Leader feine Sensoren für die Kultur, die sich im Unternehmen zeigt und in Bewegung ist. Koppelt er die Unternehmensziele an seine Person und agiert hauptsächlich im Senden-Modus – auch bei bester Absicht – statt im Empfangen-Modus, kann es schwierig werden, ehrliche Anhänger*innen zu finden. Um die Sensoren auszubilden, sind extreme Gedankenspiele manchmal gar nicht schlecht: Was unterscheidet Dich im eigentlichen Tun als Chef eigentlich von demjenigen/derjenigen, die unsichtbar nach Feierabend oder vor Arbeitsbeginn Schreibtische reinigt und Papierkörbe leert – der Reinigungskraft? Ihr beide schafft Rahmenbedingungen, damit die Teams erfolgreich arbeiten können. Lediglich Eure Verantwortlichkeiten sind formal unterschiedlich ausgeprägt.

Derartige Gedankenspiele stammen übrigens nicht von mir, sondern von Bertold Brecht. Er fragte in seinen „Gedichte eines lesenden Arbeiters“ bereits 1935: „In den Büchern stehen die Namen von Königen. Haben die Könige die Felsbrocken herbeigeschleppt?“. Er kritisierte damit die klassische Geschichtsschreibung, die sich an „großen Männern“ entlang hangelt und sich bis heute noch sowohl in Schulbüchern als auch in diversen Medien findet. Die Wissenschaft geht längst andere Wege: private Briefe von englischen Arbeitern aus Zeiten der industriellen Revolution z.B. sind als Quellen wertvoll geworden, weil sie eine höhere Qualität und Vielfalt einer Epoche zeigen.

Zurück zur neuen Chefin, zum Chef oder Chefx und zu New Leadership: Sinnvoll ist es, eine ernsthaft eigene Vision zu haben, sie selbst unaufgeregt zu leben und sie undogmatisch zu transportieren. Dann braucht es einen Titel wie Anti-Chef auch nicht.

 

Bis neulich,
Daniela

 

Bildquelle: pixabay, CC-0 Lizenz gemeinfrei, bearbeitet

Leseempfehlung:
Simone de Beauvoir – Das andere Geschlecht
Julia Korbik – Oh, Simone (zur heutigen Aktualität von de Beauvoir)

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