Ende September erschien der Ergebnisbericht des Zukunftsdialogs „Neue Arbeit – Neue Sicherheit“, initiiert vom Arbeitsministerium (BMAS), der damit erneut das Thema eines möglichen „Rechtsanspruch auf Homeoffice“ aufbringt. Die Handlungsempfehlungen dort gehen u.a. dahin, dass die „Wahl des Arbeitsortes“ und die „Ausgestaltung der Arbeitszeiten“ der Sicherung der Vorteile und Rechte von Beschäftigten diene und daher zu stärken sei. Als sogenannte Wissensarbeiterin befürworte ich die freie Wahl von Arbeitsplatz und -ort, aber haben wir da nicht eine Kleinigkeit vergessen? Stellen wir uns kurz folgendes Szenario vor:

Homeoffice im Jahr 2030

6.30 Uhr Montagmorgen, der Wecker klingelt, Karl K. schlägt die Augen auf, gähnt ein wenig und schält sich missmutig aus dem Bett. Zu schön war das Wochenende und er verspürt wenig Lust, jetzt in die Arbeitswoche zu starten. Während er noch ein wenig seinen Gedanken ans Wochenende nachhängt, brüht in der Küche schon die vollautomatische Kaffeemaschine den ersten Kaffee des Tages für ihn, personalisiert eingestellt auf seine Kaffeepräferenzen. Sein Handy meldet sich mit einem wohlklingenden Ton und erinnert ihn an den Schichtbeginn in 10 Minuten.

Karl K. nimmt den fertigen Kaffee aus dem Automaten und geht entspannt an den heimischen Schreibtisch. Dort öffnet er einen der beiden Flachbildschirme und loggt sich per Fingerabdruck ins Unternehmenssystem ein. Eine freundliche virtuelle Stimme begrüßt ihn mit den Worten „Guten Morgen Herr K., ich wünsche Ihnen einen gesunden und fröhlichen Start in den Tag.“ Er öffnet den Schichtplan, der soeben auf dem Bildschirm aufpoppt. Keine Veränderung zu gestern, gleiche Stückzahl. Er tippt auf den zweiten Bildschirm und eine Dialogroutine führt ihn durch den Prozess, der am Ende des Tages die erforderliche Stückzahl an „seiner“ Maschine ca. 100 km entfernt in der Produktionshalle fertig verpackt und palettiert für den Logistiker ausgeben wird. Seine Aufgabe ist es, den teilautomatisierten Produktionsablauf zu überwachen. Er führt online mehrere Hilfsmenschen und Hilfsroboter, die vor Ort für ihn Unregelmäßigkeiten und Fehler im Ablauf sofort beheben können.

Homeoffice im Blaumann

Hört sich utopisch an? Ja, denn an Homeoffice-Arbeitsplätze für gewerbliche Mitarbeiter*innen in der Produktion denkt vorerst noch niemand, oder doch? Das Homeoffice ist meiner Wahrnehmung nach den Bürotigern und -tigerinnen vorbehalten. Denn die sogenannten Wissensarbeiter:innen sind sensible und freischwebende Pflänzchen, die man in Zeiten des sogenannten Fachkräftemangels mit Life-Work-Balance und ortsunabhängigem Arbeitsplatz füttern muss.

Die, die sich schmutzig machen, im Blaumann oder Blaufrau rumlaufen, Sicherheitsschuhe und -helme tragen, die gibts im Dutzend billiger, sind weniger pflegeintensiv und stecken fest in komplexen bis komplizierten Routineprozessen, die mal mehr mal weniger effizient sind. Jede kleine Änderung dieser Prozesse verursacht mehr Kosten und Ressourcen, als z.B. die Änderung der Gesprächsroutinen in Meetings.

Über die Schmutzauffangmatte in die Produktion

Die Trennung zwischen Produktion und Verwaltung ist Fakt. Die Unternehmen, die ich während meines festangestellten Arbeitslebens kennenlernte, hatten oft eine vollständige Trennung, d.h. räumlich. Produktion und Verwaltung waren in verschiedenen Gebäuden untergebracht mit langen Wegen dazwischen. Manchmal lagen Produktion und Lager direkt hinter der Verwaltung. Im gleichen Gebäude zwar, aber getrennt durch einen Flur und schwere Metalltüren.

Um vom einen in den anderen Bereich zu gelangen, brauchte es Kraft, denn das Hinunterdrücken des Feuerschutzbeschlags und das Aufstemmen der T90-Stahltüre zum Lager oder zur Produktion fühlte sich vollkommen anders an, als das Antippen einer simplen Bürotüre mit Wabeneinlage – wenn sie nicht eh immer offenstand. Beim Eintritt in den Verwaltungsbereich lief man über mindestens eine, wenn nicht mehrere, Schmutzauffangmatten. Natürlich, die Trennung ist dem Brandschutz und anderen gesetzlichen Auflagen geschuldet. Im Produktionsbereich sind höhere Sicherheitsmaßnahmen notwendig, keine Frage. Ich frage mich zwar manchmal, ob man es mit den zahlreichen Sicherheitsvorschriften nicht ein wenig übertreibt, aber sei’s drum, das kann eine Sicherheitsfachfrau sicherlich besser beurteilen als ich.

Und nein, Produktionshallen und -arbeitsplätze sehen real nicht so aus, wie cleane Stockfotos es glauben machen wollen.

Auch aus praktischen Gründen ist es nicht ganz blöd, Produktion und Verwaltung zu trennen, denn Maschinen und Motoren machen üblicherweise Lärm, den man und frau im Büro nicht gebrauchen kann. Allerdings ist es nicht so, dass Lärm im Büro kein Thema wäre. Ich erinnere mich mit Widerwillen an Zeiten, in denen mir eine Kollegin gegenübersaß, die mit lauter Stimme ihre Telefonate führte – sie konnte nicht anders, das Telefon war noch nicht mobil.

Oder gar an Zeiten, in denen es noch Schreibmaschinen gab, deren monotones Geklacker kleine Büroräume erfüllte. Sidekick: Ich frage mich jedoch, worin der Sinn liegt, dass Büromenschen sich heute gerne in Co-Working (!) Places hocken, aber ihre Umgebung den ganzen Tag mit Kopfhörern abschirmen, aber andere Baustelle.

Was Schmutz mit Identität zu tun hat

Die Trennung von Produktion und Verwaltung ist natürlich auch historisch bedingt und sie hat soziale Prägungen geschaffen. Hier die Arbeiter, dort die Angestellten. Es fühlt sich anders an, die rissige Hand eines Lagerarbeiters zu schütteln, als die sorgfältig manikürte Hand eines Art-Directors und das meine ich wertfrei. Meine Oma war immer sehr stolz darauf, dass ihre Jungs „nicht in die Fabrik“ gingen, sondern Berufe ergriffen, in denen sie jeden Tag mit sauberem Hemd und gebügelter Hose in einem Büro saßen.

Damit identifizierte sie sich als gute Mutter und damit identifizierten sich auch ihre Söhne, die es in dieser Lesart „zu etwas gebracht“ hatten. Dieses „sich nicht schmutzig machen“ müssen/sollen/dürfen, ist bis heute tief gesellschaftlich verwurzelt. Für die einen, man denke an alte Schergen, die sich ein Berufsleben lang „krummgearbeitet“ haben, ist der Schmutz und die damit verbundene schwere Arbeit Ausdruck von Stärke und Kraft. Damit geht außerdem ein Verständnis von „Männlichkeit“ einher, das wiederum Stereotype befördert. Für die anderen ist die Abwesenheit von Schmutz in ihrem Alltag (unbewusster?) Ausdruck ihrer Selbstaufwertung gegenüber den „einfachen“ Leuten.

Beide Seiten zelebrieren nicht selten die eigene Blase und blicken verächtlich auf die jeweils andere Seite und konstruieren Gegensätze daraus.

Arbeitszeiterfassung – ein Modell aus dem letzten Jahrhundert?

Der EuGH sorgte im Mai mit der „Pflicht zur Arbeitszeiterfassung“ nicht nur bei vielen Arbeitgebern, sondern auch in der New Work Filterblase für Aufregung. Arbeitszeit zu erfassen scheint wie aus der Zeit gefallen, rückwärtsgewandt. Kontrolle statt Vertrauen(sarbeitszeit)? Überlegen wir doch mal kurz, was die Lohn- und Gehaltsabrechnung mit Arbeitszeiterfassung zu tun haben könnte:

Die Trennung zwischen Produktion und Verwaltung sieht man ganz elementar auf der Lohn- und Gehaltsabrechnung – sowohl in der Begrifflichkeit, als auch in der Art der Abrechnung. Während die Arbeitsleistung der „Wissensarbeiter“ mit monatlichen Gehältern abgeglichen wird, sieht es im gewerblichen Bereich anders aus. Der Lohn der gewerblichen Mitarbeiter misst sich nach Stunden und damit auch nach Minuten. Die Minutenkalkulation im Handwerk veranlasste einen meiner ehemaligen Chefs zu der Aussage: „Wenn Euch eine Schraube runterfällt, nehmt eine neue. Das Bücken nach der heruntergefallenen Schraube ist zu teuer.“

Ich denke, dieses Bild illustriert gut, wieviel Kontrolle auch hinter einer solchen Kalkulation steckt, der jede:r gewerbliche Mitarbeiter:in ausgesetzt ist. Jeder Handgriff hat einen Preis. Es wird händisch auf „Stundenzetteln“ erfasst (in kleineren Betrieben ist das immer noch so) oder man verwendet eine Software dafür. Die Summe aller Handgriffe findet sich auf meiner Lohnabrechnung. Daher ist die exakte Erfassung meiner Arbeitszeit für mich essentiell wichtig, denn sie ist mit der Lohnabrechnung gekoppelt: jede Minute weniger bedeutet weniger Lohn. Jede Minute mehr, mehr Lohn. Vertrauensarbeitszeit in der Produktion, im Lager, auf der Baustelle? Hm, schwierig.

Arbeiter gibt es nicht mehr

Sicher, es hat sich viel verbessert: Die Trennung zwischen Produktion und Verwaltung, Gehalt und Lohn, Arbeit und Angestellte gibt es nicht mehr. Seit 2005 fällt mit der Fusion der beiden Rentenversicherungsanstalten zur „Deutschen Rentenversicherung Bund“ die Unterscheidung von Arbeitern und Angestellten weg. Die IG Metall betreibt dies und seit 2009 tauchen arbeits-, tarif- und sozialversicherungsrechtliche Unterschiede nicht mehr auf – zumindest in der Metall- und Elektroindustrie. Alle sind Arbeitnehmer. Zumindest auf dem Papier. Im Alltagsbewusstsein ist dies bis heute jedoch wenig angekommen.

Der Mensch im Mittelpunkt der Arbeitswelt

Also, was tun in Zeiten, in denen der „Mensch“ in der Arbeitswelt eine so große Rolle spielt? Was tun mit der historisch und sozial gewachsenen Differenz zwischen den Bereichen? Aushalten? Wegducken? Ignorieren? Ich habe keine Lösung, aber es scheint mir notwendig, verschiedene Diskrepanzen klar anzusprechen, um sie erstens sichtbar zu machen und zweitens zu überlegen, ob und wie sie überwunden werden können. Ist Home-Office in der Produktion irgendwann möglich und sinnvoll, weil Mitarbeiter so mehr Zeit für andere Aufgaben haben und daraus mehr Zufriedenheit ziehen könnten? Oder kann die Produktion den Menschen nicht loslassen und braucht Mensch-Maschine-Verbindungen, in der der Mensch lediglich Erfüllungsgehilfe der Maschine ist? Wäre die Kalkulation des Denkens für Wissensarbeiter langfristig eine Möglichkeit, das eigene Denken besser zu strukturieren und produktiven wie destruktiven Denkmüll zu identifizieren?

Ob Utopie oder Dystopie, noch gibt es viele Richtungen und Perspektiven. Wichtig scheint mir, dass wir die großen Trennungen aufweichen und anfangen ins „sowohl-als-auch“-Denken und -Handeln zu kommen und offen fürs Experiment zu werden. Maximal offen. Was sind Eure Ideen zum ortsunabhängigen Arbeiten für Lager-, Werkstatt- oder Produktionsmitarbeitende?

Bis neulich
Daniela

 

Zum Weiterlesen:

https://www.spiegel.de/karriere/home-office-ist-ein-rechtsanspruch-auf-heimarbeit-unsinn-a-1289268.html

https://www.handelsblatt.com/politik/international/eugh-urteil-pflicht-zur-arbeitszeiterfassung-vertrauensarbeitszeit-in-bisheriger-form-nicht-mehr-moeglich/24339534.html?ticket=ST-49823834-zqStfcMGWb2qjeKahSGk-ap1

https://www.bmas.de/DE/Schwerpunkte/Zukunftsdialog/ergebnisbericht.html

Bildquellennachweis: pixabay CC-0 Lizenz gemeinfrei, bearbeitet

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