Sind wir tatsächlich schon bereit für „Augenhöhe“?

Von 15. Juni 2015Allgemein

Letzte Woche, elfter Juni, neunzehn Uhr, Mercedes-Benz Museum im Stuttgarter Kessel: Markus Besch hatte zur 45. Social Media Night geladen. Im Rahmen der Night war auch Sven Franke, Mitinitiator des Films „Augenhöhe“, als Referent vor Ort, der die Bedeutung von Social Media für Crowdfunding und Crowdsourcing am Beispiel der Förderung für „Augenhöhe“ aufzeigte. Im Anschluss an die Vorträge wurde der Film, der unter Creative Commons Lizenz veröffentlicht ist, dann auch gezeigt.

So weit, so gut. Werfen wir einen Blick auf meine Gedankenbilder und springen auf zwanziguhrirgendwas, zum Startpunkt des Vortrags. Sven Frankes Vortrag war gut vorbereitet und anhand der Story wie das Augenhöhe-Team den Film u.a. mit Hilfe einer Crowdfunding-Kampagne das Projekt Augenhöhe verwirklichen konnte, waren mutmaßlich alle im Publikum in der Lage zu erkennen, welche Dynamik Social Media für das Entstehen eines solchen Herzensprojekts entwickeln kann und wie hier in relativ kurzer Zeit eine Menge Support entstehen kann. Sven Franke sprach weiter über die Augenhöhe-Facebookseite und über die Xing-Gruppe und blendete dazu die entsprechenden Info-Folien ein.

Hinter mir hüstelte es. Dann mehrfaches Kichern und Prusten. „Höhö, 500 Mitglieder, ganz toll!“, flüsterte es halblaut und abfällig. Ich entschloss mich, die Bemerkung zu ignorieren, speicherte sie aber vorsichtshalber in der Schublade „Dummköpfe“ für eine spätere mögliche Wiedervorlage. Es prustete und stöhnte noch mehrere Male bevor Sven Franke den Staffelstab an Marcus Besch übergab, der noch einmal – wie auch schon zu Beginn – darauf hinwies, dass nun der Film selbst gezeigt würde – sowohl auf allen drei Monitoren unten im Auditorium als auch auf einem weiteren oben im Bereich der Cafébar, so dass alle die Möglichkeit hätten, den Film in lockerer Atmosphäre anzuschauen.

Das Basement leerte sich nun bis nur noch ein paar Social Medialisten vereinzelt die Stühle belegten. Ein Grundrauschen von klappernden Absätzen, Gesprächsfetzen, klirrenden Gläsern und Flaschen erfüllte bald den Raum und machte es dem gerade angefangenen Film schwer, sich akustisch durchzusetzen. Zwar war die Cafébar oben tatsächlich attraktiv, denn hier netzwerkten noch rund 50 Leute an den Tischen, allein der Bildschirm, der den Film zeigte, blieb nahezu verwaist.

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Was war da passiert? Wieso interessierten sich so Wenige für den Film? Ich spulte gedanklich zurück. Am Anfang des Vortrags hatte Sven Franke gefragt, wer den Film kenne. Nur eine Minderheit hatte den Arm gehoben. Im Intro seiner Keynote sprach er nicht über den Inhalt des Films. Aus seiner Sicht verständlich und richtig, es ging im Vortrag nicht um den Film selbst, sondern um das Crowdfunding dazu. Konnte das ein Schlüssel sein? Hätte man hier trotzdem zusätzlich über den Inhalt sprechen müssen, um diejenigen abzuholen, die den Film nicht kannten? Wäre hier auch Markus Besch als Moderator gefordert gewesen, den Inhalt kurz anzureißen? Vielleicht. Möglich ist auch, dass viele der Teilnehmer die Veranstaltung direkt nach den Vorträgen verlassen haben, weil sie das sonst auch immer so machen. Warum ärgerte ich mich also über das spöttelnde Gehabe der „Dummköpfe“ und warum ärgerte mich die mangelnde Aufmerksamkeit derer, die verweilten?

Weil ich den Film für einen Stein des Anstoßes halte, im besten Wortsinn. Weil er ein Baustein in einem langen Prozess der Unternehmenstransformation sein kann. Weil er möglich macht, zu verstehen, was in vielen Betrieben falsch läuft und warum sie in Zukunft mit größeren Schwierigkeiten zu kämpfen haben als nur mit der Frage „Wie positioniere ich mich und mein Produkt/meine Dienstleistung am Markt?“. Der Film behandelt verschiedene Ebenen von Unternehmensführung auf Augenhöhe und man kann über den Film trefflich streiten, diskutieren, sich austauschen und neue Ideen entstehen lassen. Er ist eine Einladung zum Dialog. Er polarisiert.

Genau hier liegt seine Qualität. Er spricht von einer gerade entstehenden Zukunft, die noch nicht definiert ist. Das merkt man dem Film an, und genau hier liegt auch der Stein des Anstoßes, der zum Weiterdenken anstoßen kann. Es gibt dort verschiedene Ansichten von Augenhöhe, verschiedene Spielarten und Sichtweisen von „neuer Führung“ – alles bewegt sich, mal zeigt sich eine gute Lösung, mal eine weniger gute. Es gibt wenige Ankerpunkte, an denen man sich festhalten kann. Hier ein Zitat, da Gestik und Mimik, dort ein komplettes Konzept. Alles ist noch im Werden und daher so wertvoll und formbar.

Später las ich noch die restlichen Tweets zur #MSBMN durch, dabei fiel mir ein Tweet auf: „ #Microsoft Vortrag spannend, #Crowdfunding hat nicht rein gepasst, viel Eigenwerbung. Insgesamt Interessant.“

„Crowdfunding hat nicht reingepasst, viel Eigenwerbung“ – Man mag sich darüber wundern, warum Crowdfunding nicht zu Social Media passen sollte, aber konnte es sein, dass die kichernden Köpfe hinter mir ähnlich dachten? Natürlich ist es müßig, über ihre Gedanken zu spekulieren, aber Eigenwerbung hin oder her – es ist wichtiger, das Ganze zu sehen. Hier sollte kein Produkt verkauft, sondern Ideen verbreitet werden. Entwicklungen angestoßen werden. Autonomie geweckt werden. Aber diese Denkweise ist erst in wenigen Köpfen angekommen und muss noch wachsen.

Daher eine Anregung an die, die den Film am Mittwoch nicht angesehen haben: Schaut Euch den Film an und recherchiert, was dazu und darüber hinaus im Netz zu finden ist! Alleine, zu zweit, zu dritt. Überlegt, was das alles mit Euch selbst, mit Eurer Arbeit, mit Eurem Unternehmen zu tun hat und sprecht darüber. Warum? Weil ihr diejenigen seid, die Unternehmenstransformation erfahren und die ist wesentlich angenehmer, wenn man sie mitgestalten kann bzw. wenn man Autonomie einfordert und Selbstverantwortung zeigt.

Es ist auch nicht notwendig bei Null anzufangen, die Lernkurve kann abgekürzt werden: Denn eine Diskussion darüber, ob Augenhöhe-Kultur in Unternehmen sinnvoll ist oder nicht, erübrigt sich mit Blick auf eine moderne Führungskultur.

Über das „ob“ sind wir längst hinweg, es geht um das „wie“. Viel Spaß beim Einstieg ins Thema.

 

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