Soziale Skulptur im Alltag

Soziale Skulptur im Alltag

Ein energiereicher Spaziergang

An einem frischen, sonnigen Tag im Frühling spazierten wir mit einem befreundeten Künstler in Tübingen am Neckar entlang und diskutierten – wieder einmal – über die Soziale Plastik (Soziale Skulptur *). Ein schier unerschöpfliches, weil so hoch komplexes und – für uns – unendlich interessantes Thema. Was genau ist dieses abstrakte Modell und wie kann man es fassen? Wir setzten uns auf eine der Bänke am Wegrand und ließen unsere Blicke schweifen. Stefans Blick blieb an einem blauen Fußgängerwegschild an einer Brücke hängen und er bat uns, das Schild eine Weile zu betrachten. Aus unseren Beobachtungen entspann sich eine Diskussion, die ungefähr so ablief:

Stefan:„Ich glaube, das ist ein gutes Beispiel für eine schlechte Soziale Plastik.“

Michael: „Aber das Schild ist doch keine Kunst“.

Daniela: „Das könnte sein. Ich denke, es ist nicht die Plastik selbst, sondern die Manifestation einer Plastik.“

Michael:„Das würde aber bedeuten, dass alles Plastik wäre.“

Stefan:„Im Grunde genommen, ja. Wenn ich das Modell der Sozialen Plastik mit unserem menschlichen Denken gleichsetze, bedeutet es u.a., dass alles, was wir an von Menschen hergestellten Dingen sehen, sichtbare Zeichen von Plastik sind.“

Michael:„Aber die Soziale Plastik funktioniert nur im Kontext Kunst.“

Daniela:„Das würde ich hinterfragen wollen. Das, was im Museum als Soziale Skulptur ausgestellt wird, ist ja nicht die Plastik an sich, sondern Dinge, die den Arbeitsprozess der Sozialen Plastik sichtbar machen – immer in einem anderen Themensetting.“

Stefan:„Stimmt, deshalb ist Beuys im Museum auch so schwierig greifbar. Und viele der Artefakte funktionieren eigentlich nur, wenn sie jemand benutzt, in die Hand nimmt und mit Wärme versieht. Im Museum liegen sie aber nur da. Eigentlich zeigt doch jedes Museum nur einen Ruhezustand der Sozialen Skulptur – eine erstarrte Phase.“

Daniela:„Ein schönes Bild. Man könnte die Besucher auffordern, die Soziale Skulptur wieder flüssig zu machen, aber dazu braucht es extrem mutige Kuratoren.“

Michael:„Andererseits wird Beuys ja explizit als Gesamtkunstwerk verstanden. Das heißt ein Teil seines künstlerischen Ichs findet auch außerhalb der Kunstwelt statt.“

Stefan:„Genau, deshalb laß uns mit dem Fußgängerschild weitermachen. Michael, Du sagt, dass es keine Kunst ist. Da stimme ich Dir völlig zu.“

Daniela:„Ja ich auch. Das Fußgängerschild ist ein industriell hergestelltes Produkt.“

Michael:„Marcel Duchamps war der erste, der industrielle Produkte zur Kunst erhoben hat. Siehe seine Multiples.“

Daniela:„Natürlich, aber Duchamps war Künstler und ich behaupte einfach mal, die Hersteller des Schildes bezeichnen sich nicht als Künstler.“

Stefan:„Beuys sagt, jeder Mensch ein Künstler.“

Daniela:„Stimmt, aber können wir das auf das Fußgängerschild übertragen? Ich denke ja, auch wenn wir uns einig sind, dass das Schild an sich keine Kunst ist. Allerdings ist es das Ergebnis menschlichen Denkens.“

Stefan:„Das ist es, was ich zu Anfang meinte. Schau‘ mal, auf dem Schild ist piktografisch eine Frau mit einem Kind an der Hand abgebildet, aber es heißt „Fußgänger“. Sind mit „Fußgängern“ also nur Frauen und Kinder gemeint?“

Michael:„Interessant, so habe ich das noch nie gesehen. Zumal „Fußgänger“ ja auch noch eine männliche Form bezeichnet.“

Daniela:„Mal ganz zu schweigen von der Assoziation, dass wie so oft nur Frauen mit Kindern abgebildet werden und nicht Männer.“

Stefan:„Ja, allerdings weiss ich nicht, seit wann es das Schild gibt. Es könnte zu einer Zeit geschaffen worden sein, als die Emanzipationsbewegung der 1970er Jahre noch in weiter Ferne lag.“

Michael:„Das muss ich glatt mal recherchieren.“

Daniela:„Das Schild ist also nach unserem heutigen Verständnis veraltet, bzw. bildet veraltetes Denken ab, richtig?“

Stefan:„Richtig, es bedürfte einer Erneuerung.“

Michael:„Und ich gebe Dir Recht, man kann es als Ergebnis einer Sozialen Skulptur lesen.“

Daniela:„Sehe ich auch so. Da hat sich eine Gruppe von Menschen Gedanken über die Gestaltung eines allgemeingültigen Zeichens für einen öffentlichen Raum gemacht – einen Fußgängerweg. Das ist grundsätzlich prima. Herausgekommen ist aber ein Bild, welches die Zielgruppe gar nicht vollständig abbildet, obwohl es diese explizit adressieren soll.“

Stefan:„Sollen wir das Material des Schildes auch noch diskutieren?“

Michael:„Grundsätzlich gerne, aber mir wird langsam kalt und könnte eine warme Tasse Tee vertragen.“

Daniela:„Ich auch. Lass uns das Material ein anderes Mal betrachten, für heute reicht es an Denkfutter, oder?“

Stefan:„Gut, in Ordnung.“

Soziale Skulptur in Deinem Kopf (Übung)

Mit diesem kleinen Gespräch möchte ich Euch zu einer Übung anregen, wenn ihr Lust habt, Eure Wahrnehmung und Beobachtung zu trainieren: Wählt spontan auf Eurem Weg zur Arbeit mal ein Objekt aus – egal ob draußen oder drinnen. Betrachtet es ganz genau, alle Details, Farbe und Form. Und dann den Kontext, in dem es sich befindet. Und dann stellt folgende Fragen, die ihr für Euch selbst beantwortet:

1.    Warum befindet sich dieses Objekt an diesem Ort?
2.    Erfüllt es seinen vorgeblichen Zweck bzw. sein Ziel?
3.    Passt es – subjektiv gesehen – vom Material her ins Umfeld und warum?
4.    Würde etwas fehlen, wenn es nicht da wäre?

Reflektiert über das Beobachtete und laßt Euren Gedanken dazu freien Lauf. Wer mag, darf mir gerne unter info@kultur-komplizen.de seine Erkenntnisse schreiben.
Nehmt diese Übung immer mal wieder auf – sie fördert mit zunehmender Praxis sowohl Eure Beobachtungsgabe als auch Eure Aufmerksamkeit und ist ein unverzichtbarer Mehrwert auf Eurem persönlichen Entwicklungsweg.

 

Herzliche Grüße
Daniela


Nachtrag:

Das Fußgängerschild heißt offiziell „Verkehrszeichen 239 – Gehweg“ und existiert seit 1953. Bis 1971 zeigte das Schild einen Mann mit Hut und ein kleines Kind. 1971 wurde der Mann durch eine Frau ausgetauscht. Eine Änderung in ein stärker abstrahiertes Piktogramm, weiterhin mit Frau, erfolgte 1992. Dem deutschen Bundestag wurde eine Petition eingereicht, die eine Änderung aufgrund der geschlechtlichen Darstellung forderte. Der Petition wurde mit Beschluss von 2015 nicht stattgegeben, weil die Kosten der Umrüstung zu hoch seien.

Wie es zur Änderung der Gestaltung kam? Siehe hier:
http://wunderundzeichen.de/typothemen/sonderwege.php

Petition inkl. Anekdote zur Änderung durch Gustav Heinemann:
https://www.openpetition.de/petition/blog/strassenverkehrsordnung-aenderung-von-verkehrszeichen-fuer-fussgaenger

*Anmerkung: Wir verwenden die Begriffe Soziale Plastik und Soziale Skulptur synonym, auch wenn sie in streng künstlerischer Auslegung nicht deckungsgleich sind. Allerdings wird „Plastik“ im Englischen mit „skulpture“ übersetzt und auch Beuys hat beide Begriffe in Publikationen verwendet.

Bildquelle: Pixabay

Join the discussion 2 Kommentare

  • Sheena J. sagt:

    Tja stellt sich nur die Frage…ist das Schild nicht zeitgemäß, weil es, scheinbar, eine Frau und ein Kind zeigt? Oder aber ist man schon zu voreingenommen, durch den angedeuteten Rock eine weibliche Person zu implizieren?

    • Daniela Röcker sagt:

      Liebe Sheena J.,

      wunderbare Frage, dankeschön. Ich persönlich finde das Schild tatsächlich nicht mehr zeitgemäß genau aus diesem Grund. Frau mit Kind wird als „Normalfall“ dargestellt, das passt m.E. nicht mehr. Die frühere Version „Mann mit Kind“ wurde damals sogar als anstößig angesehen und implizierte „Mann mit Kind“ ist nicht normal. Das Schild könnte, um neutral zu sein, eine einzelne Person zeigen, wie beim Ampelmännchen, das würde für die Assoziation „gehen“ ja ausreichen.

      Thema Voreingenommenheit: Ich würde das gar nicht als voreingenommen formulieren, weil dies nach meinem Empfinden eine eher negative Sicht wäre. „Kulturell geprägt“ fände ich da besser, weil in unserem Kulturkreis Männer ja eher weniger Rock tragen, daher würde der Rock beim flüchtigen Betrachten auf eine Frau hinweisen. Das Schild wurde auch von den „Erfindern“ mit „Frau mit Kind“ umschrieben.

      Allerdings rege ich gerne dazu an, Deinen Gedanken, dass der angedeutete Rock eine weibliche Person impliziert, tiefer zu denken. So erkennt man sehr gut die eigene kulturelle Prägung. Der nächste Schritt wäre vielleicht der zu fragen, warum nicht mehr Männer Rock tragen und ob das nicht eine schöne Entwicklung wäre. Schließlich begrenzen Männer sich in ihrer Bekleidung mit dem ausschließlichen Tragen von Hosen.

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