Start-Up meets Kultur(-Komplizen) – das Finale der Start-up Garage Hohenheim 2018

Von 16. August 2018Allgemein
Start-Up-Garage

 

„Start-Up meets Kultur“, war das Motto der Finalveranstaltung der Start-Up Garage 2018. Bei dem Titel sagten wir verständlicherweise nicht nein, nachdem uns Organisator Leif Brändle fragte, ob die Kultur-Komplizen einen Impuls-Vortrag zur Verbindung zwischen Kultur und Wirtschaft beisteuern könnten. Dass Daniela ich an dem Abend zudem als Juroren die Pitches der sechs Gründerteams bewerten sollten, erfuhren wir erst später.

Aber der Reihe nach. Ich gebe zu, dass ich von der Start-Up-Garage schon mehrfach gehört hatte, aber nicht im Bilde war, was genau dort vor sich geht. Nachdem ich in der Zwischenzeit einen Einblick erhalten habe, formuliere ich im Folgenden meine Eindrücke.

Was ist die Start-Up-Garage?

Studierende erfahren in der Start-Up-Garage, wie es sich anfühlt und was alles zu tun und auch zu lassen ist, wenn aus einer Geschäftsidee ein neues Unternehmen entstehen soll. Mentoren und Berater begleiten die Teams auf dem Weg zu ihrem Start-Up und stehen mit Tipps und Ratschlägen zur Seite. Dabei steht durchaus der Anspruch im Hintergrund, die Welt zu verbessern und die Zukunft zu gestalten:

„Interdisciplinary teams from the fields of agriculture, natural sciences and business have the potential to shape the future and tackle global challenges. Hohenheim is the right place to start. The time is now – let’s kick it off!“ (Von der Website der Start-Up-Garage Hohenheim)

Die Teilnahme erfolgt auf freiwilliger Basis und es winken keine ECTS-Punkte für das Studium. Dafür erfahren die Teilnehmer*innen, was es heißt, ein Start-Up aufzubauen, zu organisieren, zusammenzuarbeiten und die Höhen und Tiefen des Unternehmertums zu durchleben – Scheitern inklusive. Spannend finde ich, dass sich die Teams übergreifend aus den Fachbereichen Landwirtschaft, Naturwissenschaft und Wirtschaft zusammensetzen können. Dass daraus eine spannende Mischung entstehen kann, bewies das Gewinnerteam des Jurypreises des aktuellen Durchlaufs. Im Pitch war deutlich zu erkennen, dass sich Impulse aus allen drei Disziplinen zu einer tragfähigen Idee entwickelt hatten.

Der spielerische Charakter der Veranstaltung, lässt das Scheitern einer Idee leichter verkraften als in der realen Welt. Vielleicht ist es genau diese gewisse Leichtigkeit, die durchaus erfolgversprechende Geschäftsideen aus den vergangenen Veranstaltungen hat entstehen lassen. Etwa ein essbarer Strohhalm, mit dem unser Mit-Juror und Vorjahressieger Konstantin Neumann, den landesweiten Wettbewerb Start-up BW Elevator Pitch gewonnen hat. Sein Start-Up „eatapple“ wird gerade mit Anfragen überschüttet. Dass nicht alle Ideen das Potenzial zu so einem Erfolg haben, liegt in der Natur der Sache und gehört zur Lernerfahrung dazu – ausprobieren und Erfahrungen sammeln steht ja im Vordergrund. Trotzdem liess mich der ein oder andere Pitch mit einem Stirnrunzeln zurück, dazu aber später mehr.

Die Veranstaltung

Jede Start-Up-Garage mündet in einem Finale, in dem die Teams in dreiminütigen Pitches ihre Ideen präsentieren. Eine Jury und das Publikum bestimmen unabhängig voneinander ein Siegerteam, die dann beide mit unterschiedlichen Sach-, Beratungs- und Dienstleistungspreisen belohnt werden, um ihre Ideen weiterzuentwickeln.

©Stefan Jetter - Startup Garage HohenheimDas Finale findet traditionell in der Thomas-Müntzer-Scheuer statt und wird gemeinsam von der Start-Up-Garage und der Kulturgruppe Hohenheim organisiert. Dass hier die Verbindung von Wirtschaft, Kunst und Kultur erkannt wurde und gepflegt wird, freut uns als Kultur-Komplizen, spielt das doch genau auf unserer Klaviatur.

Menschen in Unternehmen und Organisationen beeinflussen nicht nur das unternehmensinterne Zusammenarbeiten -und leben, sondern wirken mit ihren Produkten, Dienstleistungen und ihrem Verhalten gegenüber Mitarbeitern, Kunden und Lieferanten auch in die Gesellschaft und damit in unsere Kultur. Dass damit auch ein großes Gestaltungspotential einhergeht, ist Vielen nicht bewusst, daher hakten wir mit unserem Impulsvortrag dort ein. Denn dieses Gestaltungspotential ist nichts weniger als eine bedeutende Facette des erweiterten Kunstbegriffs von Joseph Beuys, auf dessen Ideen wir unsere Arbeit gründen.

 

Kunst bedeutet Freiheit im Denken und Tun.

©Stefan Jetter - Startup Garage HohenheimZu Beginn unseres zehnminütigen Impulses sammelten wir symbolisch das sogenannte „unsichtbare Material“ im Auditorium ein. Dieses unsichtbare Material, dieser unsichtbare Rohstoff bezeichnet unser Denken. Jeder ist in der Lage dieses Denken, seine eigenen unsichtbaren Rohstoffe zu gestalten. Dafür braucht es keine künstlerische Ausbildung, sondern die Freiheit und die Fähigkeit das eigene Denken und Handeln zu gestalten und zu formen. Die Fähigkeit trägt jeder in sich. Die Freiheit dazu bietet die Gesellschaft/die Umgebung, in der wir leben. In diesem Sinne ist nach Beuys jeder Mensch ein Künstler, eine Künstlerin.

Künstlerisches Schaffen ist der Inbegriff selbstbestimmten Arbeitens.

Alle sollten diese Freiheit des Künstlers nutzen, um andere Perspektiven einzunehmen, verkrustete Strukturen aufzulösen und Neues und Anderes zu schaffen. Wenn eine Unternehmenskultur dies ermöglicht und fördert, entstehen wirklich neue Ideen, Innovationen, die den Einzelnen, das Unternehmen und die Gesellschaft voranbringen und vielleicht zur Gesundung unserer Welt beitragen. Das, was in diesem gemeinsamen Denken entsteht, nennt Joseph Beuys eine soziale Plastik. Und in diesem Sinne sind auch die Teams der Start-Up-Garage-Künstler und können die Welt mitgestalten.

Die Pitches

Nach unserem Impuls folgten die Pitches der sechs Teams. Dafür hatte jede Gruppe lediglich drei Minuten Zeit, die von den einen besser von den anderen schlechter genutzt wurden. Initiator und Mit-Juror Prof. Dr. Kuckertz hatte uns vorab schon darauf hingewiesen, dass bei der Start-Up-Garage der Weg das Ziel ist. Es also hauptsächlich darauf ankommt, Erfahrungen zu sammeln, weniger auf das Ergebnis und dass wir daher nicht so streng sein sollten. Trotzdem ließen es sich die Juror*innen nicht nehmen im Anschluss an die Präsentationen den Teams ein wenig auf den Zahn zu fühlen.

©Stefan Jetter - Startup Garage Hohenheim

Die Jury: Stefan Röcker, Daniela Röcker, Konstantin Neumann, Amelie Hübner und Prof. Dr. Andreas Kuckertz (im Hintergrund ist leider nur sein Arm zu sehen)

 

Die sechs Pitches im Überblick:

• Eisbrecher – Dating-App
• Yumeal – Individualisierte Rezepte mit Deep Learning Algorithmus
• Interpay – Blockchain-Lösung als Kreditkartenablösung
• Butterfly – Mindfulness für Corporates
• HandinHand – Spenden sammeln einfach gemacht
• Biodigester – Upcycling von Abfällen in Restaurants

Ich will nicht auf alle Teams eingehen, das wäre ein bisschen viel für diesen Artikel. Daher möchte ich mich auf zwei beschränken. Das eine ist das Gewinnerteam der Jury: Yumeal mit einer App für individualisierte Rezepte. Das andere das Gewinnerteam des Publikums: Eisbrecher mit einer Dating-App.

Alle Teams hatten sich zu Beginn überlegt, welches Problem sie mit ihrem Start-Up lösen möchten. Die Erfinder von Yumeal setzten sich zum Ziel, die Ernährung der Menschen zu verbessern und vielfältiger zu gestalten. Es soll nicht immer nur eintönig immer das Gleiche auf den Tisch kommen, das sich als Routine in den Alltag eingeschlichen hat. Auf Basis ihrer Vorlieben und körperlichen Verfassung soll die App den Anwendern immer wieder neue Rezepte vorschlagen, die ihnen schmecken und die ihrer Gesundheit zuträglich ist. Auf Basis von Algorithmen sollen diese Vorschläge immer weiter verbessert werden, so dass das Essen immer besser zum Menschen passt. Mit dem Rezept kommt eine Einkaufsliste, die es einfach macht, alle Zutaten zu besorgen. Das ruft nahezu schon danach, an einen Lieferservice angekoppelt zu werden – das ist aber leider noch nicht geplant, aber schon einmal in den Hinterköpfen des Teams. Uns Jurymitglieder überzeugte neben der Idee und der Präsentation vor allem die interdisziplinäre Zusammensetzung des Teams, die – außer, wie so oft, der Programmierung – alle notwendigen Bereiche für das Start-Up abdeckt. Die Idee ist gut und das Team erscheint bestens gerüstet. Ich bin gespannt, wie es weitergeht!

Mit dem Gewinnerteam des Publikumspreises habe ich persönlich allerdings so meine Problemchen. Nicht nur, dass „Eisbrecher“ noch eine Dating-App unter vielen sein will. Das Problem, das sie damit lösen wollen, lösen sie nicht, die technische Funktionsweise ist für mich unrealistisch und die für die Funktion notwendige Verbreitung der App ist nur sehr, sehr schwer zu erreichen. Soweit so gut, der Weg ist ja das Ziel, insofern taugt ja auch eine möglicherweise unrealistische Idee als Lernobjekt – es darf und soll ja auch gescheitert werden und vielleicht entwickelt sich ja daraus noch etwas ganz anderes. Dass aber dieses Team den Publikumspreis zugesprochen bekommt, hat bei mit eine gewisse Irritation ausgelöst. Warum, ganz einfach: die App soll ein Problem lösen, das für mich kein Problem ist, nämlich eine persönliche Absage beim Dating zu vermeiden. Eine Absage kassiert Frau oder Mann trotzdem, hier nur eben digital. Funktionieren soll das mit Profilen die in der App hinterlegt sind. Sieht man/frau einen Menschen – live im näheren Umfeld (das ist die Besonderheit der App) – den er/sie ansprechen möchte, wird zuerst die App befragt, gematcht und eine Anfrage gestellt. Wie die Erkennung in einem dunklen Club mit hunderten Menschen funktionieren soll, ist dabei eine der technischen Machbarkeitsfragen. Das Gegenüber schaut sich die Anfrage an und entscheidet, Daumen hoch oder runter, Problem gelöst!? Ich lasse das einfach mal so stehen, eventuell schreibe ich dazu nochmal einen längeren Text. Vielleicht lässt dieses Voting auch gar nicht so tief in die studentischen Seelen blicken und das Eisbrecher-Team hatte nur die meisten Buddies im Publikum…

Fazit: Danke! Hat Spaß gemacht! Weiter so.

Die Start-Up-Garage Hohenheim ist in sich eine runde Sache. Die ganze Veranstaltung hat für mich die richtige Mischung aus Ernst und Lockerheit, spielerisch zu erkunden, wie sich das Gründen anfühlt. Dass dabei sowohl ernstzunehmende Lösungen, als auch eher Spaßprojekte entstehen, liegt in der Natur der Sache. Ich denke, diese Erfahrungen sind für alle Teilnehmenden wertvoll. Ich kann nur dazu aufrufen: Gestaltet etwas daraus!

 

©Stefan Jetter - Startup Garage Hohenheim

Alle Beitragsbilder von: Stefan Jetter – Startup Garage Hohenheim

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