Warum ist Disruptive Thinking so schwierig?

Disruptive Thinking

Ein Mini-Twitter-Dialog zwischen @bartlog und @mkyschnitzel regte mich dazu an, über Disruptive Thinking nachzudenken. Die beiden hatten sich über Scrum und das Viable System Model unterhalten und über Schnittstellen nachgedacht. Ich fragte nach: „Scrum als Haltung oder als Methode?“

Die beiden antworteten:

Scrum erfordert Haltung

„Ist so, immer!“, sagte Heiko und dem stimme ich uneingeschränkt zu. Dennoch ist die Theorie einfacher als die Praxis. In der Praxis erlebe ich es so, dass alle diese tollen agilen Tools methodisch umgesetzt werden. Natürlich gibt es für Teams, die Scrum einführen wollen, Workshops und Trainings. Und natürlich wird auch die Haltung hinter der Methode thematisiert. Doch der Weg in die Praxis ist schwer, weil er permanentes Üben erfordert. Dieses Üben wird zugunsten des Prozesses oft vernachlässigt, weil es letzten Endes doch nur um den reinen – zu kurzfristig angelegten – Effizienzgedanken geht und nicht um eine langfristige und nachhaltige (im Sinne von dauerhafte) Entwicklung und Einstellung.

Disruptive Thinking

Am Punkt der Übung kommt Disruptive Thinking – eine Art kreativer Zerstörung – ins Spiel. Der Begriff ist nicht von mir, sondern wird u.a. von Dr. Bernhard von Mutius verwendet. Aber als ich den Begriff zum ersten Mal hörte, war mir von einer auf die andere Sekunde klar, dass er genau das aussagt, was wir in unserer Arbeit machen. Es geht um die innere Haltung, die nicht verordnet, sondern nur erfahrbar gemacht werden kann. Bildlich gesprochen, bereiten wir als Kultur-Komplizen den Boden für all diese kreativen Methoden, die im Idealfall zu grandiosen und sinnvollen Lösungen, Produkten und Dienstleistungen führen. Disruptive Thinking meint kein Out-of-the-box-Denken, sondern ein „Without-a-Box-Denken“ – ein Denken ohne Barrieren, Schranken oder Auffangnetze. Nicht linear, sondern zirkulär, zyklisch und komplex. Mit Unsicherheiten und Dissonanzen behaftet. Vierdimensional mit der Möglichkeit für weitere Dimensionen.

Unkonventionell ist nicht die Masse

Disruptive Thinking muss man aushalten können. Es erfordert eine enorme Offenheit und Durchlässigkeit im Denken, die wir in unseren konventionellen Schulsystemen nicht gelernt haben – leider. Manche von uns kommen mit zunehmender Lebenserfahrung in diese Offenheit, manche auch in jungen Jahren, weil das private Umfeld stark und offen ist. Alle eint, dass sie eine hohe Resilienz- und Selbstreflexionsfähigkeit haben.  Aber diese Menschen sind nicht die Masse. Betrachten Sie exemplarisch ihr eigenes Umfeld: Gibt es dort wirkliche Freidenker? Und falls ja, werden diese ernst genommen? Aus meiner eigenen Wahrnehmung kann ich sagen, dass diese Menschen rar sind. In manchen Kontexten werden sie als spleenig wahrgenommen, nicht der Norm entsprechend.

Wer nicht loslassen kann, ist hier falsch

Doch das als sonderlich Wahrgenommene ist nur sonderlich aus einer einzigen und damit eingeschränkten Perspektive. Für Disruptive Thinking im positiven Sinne ist ein Aufbrechen und Erweitern solcher Perspektiven notwendig. Eine Schlüsselkompetenz ist hier das Loslassen. Dieses Loslassen fällt uns in einer eigentumsfixierten Gesellschaft – trotz Sharing-Bewegung – (noch) sehr schwer. Das, was uns materiell fixiert (also alles, was wir gerne gegenständlich besitzen möchten), fixiert uns auch mental. Diese mentale Barriere kann gelockert und sogar aufgebrochen werden, indem man sich selbst innerlich betrachtet. Nicht einmal, sondern dauernd und übend.

Der eigene blinde Fleck

Das innere Betrachten ist naturgemäß schwierig und damit meine ich nicht die Betrachtung aus psychologischer Sicht. Gemeint ist die ganz pragmatische und radikale Betrachtung des eigenen konkreten täglichen Handelns und dessen Auswirkungen. Was genau mache ich, warum mache ich es, was bewirke ich damit? Erkenne ich die Systeme, in denen ich handle? Üblicherweise kann ich ganz genau bewerten, was andere meiner Ansicht nach falsch machen und erteile Ratschläge zur Verbesserung. Mein eigenes Handeln bleibt dabei unberücksichtigt. Dieses Phänomen spiegelt sich in der kompletten Verfasstheit unserer aktuellen Welt wider. Dieser „blinde Fleck“, den ich nicht sehe, weil ich nur nach außen schaue, verhindert jegliche Möglichkeit zur Veränderung und damit zu Disruptive Thinking. In diesem Zusammenhang verweise ich einmal mehr sehr gerne auf C. Otto Scharmers „Theory U“, Peter Senges „The 5th Discipline und auf Shelley Sacks‘ „Die rote Blume“.

Was passiert, bevor es disruptiv wird?

Habe ich diesen blinden Fleck entdeckt, passiert in der Regel das, was die Griechen der Antike „Katharsis“ nannten. Die innere Reinigung. Diese Reinigung geht mit Zweifeln, Angst, Ungewissheit einher. Dies sollte einem bewusst sein, denn dieser Prozess kann unschön sein. Durchschreitet man diese Phase, wird es zuerst einmal still. Es passiert: nichts. Auch das sollte einem bewusst sein. Dann erst setzen Reflexion und Loslassen ein. Erst wenn dieses Loslassen möglich ist, kann auch kreativ zerstört werden. Und dieser Prozess braucht seine Zeit und ist ausschließlich individuell und hochsensibel.

Disruptiv weiterdenken

Wenn schon, denn schon. Wenn es schon disruptiv sein soll, dann bitte konsequent und nicht in alter kapitalistischer Logik. Es kann m.E. nicht zukunftsfähig sein, auf Basis alter BWL-Logik neue Geschäftsmodelle zu ersinnen, die sich weiterhin an linearer Weltmarktführer-Manier orientieren. Die Frage, wie kann ich Marktmacht erlangen, ist m.E. eine veraltete Perspektive. Disruptive Thinking im positiven Sinne endet nicht an der Unternehmensgrenze, sondern bindet das mittelbare und unmittelbare gesellschaftliche Umfeld mit ein – und im weiteren Sinne den globalen Kontext. In diesem Kontext liegt der Fokus nicht auf dem Produkt oder Dienstleistung, sondern auf den Beziehungen, die Unternehmen (und somit auch die Individuen darin) intern wie extern kreieren. In diesem Zusammenhang sei nur kurz die soziale, ökologische und ökonomische Nachhaltigkeit z.B. im Sinne einer Kreislaufwirtschaft erwähnt.

Diesem Thema gehe ich in einem weiteren Artikel nach. Ergänzend zu diesem Artikel empfehle ich übrigens Ole Wintermanns Gedanken zu „Nachhaltigkeit und Digitalisierung“ aus 2015 – http://www.netzpiloten.de/kann-uns-die-digitalisierung-zu-mehr-nachhaltigkeit-verhelfen/

Herzliche Grüße
Daniela

Nachtrag: Soeben las ich auf der Seite einer sogenannten „Innovationsberatung“: „Einführung von Scrum als Management-Tool“ … aua.

 

Bildquelle: Gerd Altmann über Pixabay; CC-0 gemeinfrei

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